Andacht Teil 2: Die Herzenshaltungen von Maria und Lazarus

Andacht Teil 2: Die Herzenshaltungen von Maria und Lazarus

Mit Spannung erwarteten wir die Fortsetzung des im Advent begonnenen Themas: „Wie kann ich Jesus begegnen, und wie kann er sich bei mir zuhause fühlen?“ im Rahmen der Andacht mit Dekan Gabriel Ende Jänner. Beim letzten Mal hatte Gabriel uns gezeigt, dass wir dafür die Herzenshaltungen der drei Geschwister Maria, Martha und Lazarus verinnerlichen müssen und ausgeführt, was wir von Martha zu diesem Zweck lernen können, die hier sinnbildlich für die Beziehung der Menschen zueinander steht.

Was nun können wir von Maria, deren Haltung die Beziehung eines Menschen zu Gott verkörpert, auf unseren Weg mitnehmen? Maria wurde von Jesus vor allem dafür gelobt, dass sie einfach nur dasaß und Jesus in Stille mit voller Hingabe zuhörte. Um Gott zuhören und ihn auch wirklich hören zu können, ist es nötig, ihm in meinem Leben Raum zu geben. Im Alltag gelingt das oft schwer, ist man doch ständig irgendwie beschäftigt, irgendwelche Reize sind allgegenwärtig und lenken uns ab. Sogar in der Kirche fällt es oft schwer, Stille auszuhalten – wenn die Musik verstummt und auch nur für kurze Zeit niemand etwas sagt, werden manche Menschen schnell unruhig, und selbst wenn man in Stillen betet, spricht man oft selbst mehr zu Gott, als dass man wirklich einmal in seinen Gedanken innehält und versucht, zu hören, was ER uns sagen will.

Gabriel erzählte uns dazu eine schöne Geschichte von der Hl. Theresa von Lisieux, der sogenannten "kleinen Theresa", die in ihren Aufzeichnungen von ihrem schlechten Gewissen schrieb, das sie plagte, weil sie immer beim Beten einschlief. Tagsüber arbeitete sie hart in ihrem Kloster, in dem es oft eiskalt war, und wenn sie abends die Kapelle betrat, dem einzigen beheizten Raum des Klosters, fielen ihr in der wohligen Umgebung schnell die Augen zu. Eines Tages jedoch träumte sie, dass Jesus neben ihr saß und sagte, sie müsse deshalb kein schlechtes Gewissen haben, denn es war schließlich die einzige Zeit am Tag, in der sie still war und er endlich zu ihr sprechen konnte. Ohne dies nun als Aufforderung zu betrachten, beim Beten ohne schlechtes Gewissen schlafen zu können, stimmt einen dies durchaus nachdenklich – gebe ich Gott wirklich an jedem Tag genug Raum, um bewusst hören zu können, was er mir sagen möchte?

Zudem kennen die meisten die Bibelstelle, in welcher Maria, nach der Erweckung ihres Bruders Lazarus von den Toten, Jesus teures Öl über den Körper gießt, welches 300 Denare wert ist – zu jener Zeit etwa der Lohn eines ganzen Arbeitsjahres. Und auch wenn Judas‘ Einwand, man hätte das Öl besser verkaufen und das Geld den Armen geben sollen, zum Teil berechtigt scheint, so stellt dieser Liebesdienst von Maria, diese von Judas angedeutete scheinbare „Verschwendung“, jedoch sinnbildlich eine Schlüsselgeste für unsere eigene Hingabe im Gebet dar: bin ich bereit, meine wertvolle Zeit, die ich auch auf so vielfältige andere Weise nutzen könnte, für und mit Gott zu „verschwenden“?

Lazarus steht, wie bereits letztes Mal von Gabriel erläutert, für die Beziehung eines Menschen zu sich selbst, da er weiß, dass er innerlich tot ist und jemanden braucht, der ihn auferweckt. Auch wenn es möglicherweise mehr waren, so ist doch in den Evangelien die Auferweckung von drei Toten durch Jesus dokumentiert. Dies bilden in ihrem chronologischen Ablauf auch eine Reihenfolge, was die Dauer der Zeit betrifft, die von ihrem jeweiligen Tod bis zur Auferweckung vergeht. Als erstes bittet der Synagogenvorsteher Jairus Jesus, seine todkranke Tochter zu heilen. Auf dem Weg dorthin begegnet Jesus jedoch der Frau, die seit zwölf Jahren an Blutverlust leidet und fest glaubt, nur den Saum von Jesus‘ Kleid berühren zu müssen, um endlich geheilt zu werden. Während Jesus sich mit der Frau unterhält, die aufgrund ihres felsenfesten Glaubens wirklich durch diese Berührung geheilt worden ist, verstirbt die Tochter des Jairus. Jesus jedoch sagt ganz leise, das Kind schlafe nur, und erweckt es wieder zum Leben, unmittelbar nach seinem Tod.

Bei der zweiten dokumentierten Auferweckung handelt es sich um den Sohn der Witwe aus Naïn, dem Jesus bei dessen Begräbnis begegnet. In der damaligen Zeit wurden Verstorbene möglichst am selben Tag beerdigt, der Sohn der Witwe war also etwa einen halben Tag tot, als Jesus ihn mit fester Stimme aufforderte: „Junger Mann, ich sage dir, steh auf!“

Der dritte in dieser Aufzählung nun ist Lazarus. Wie dessen Schwester Jesus bei seinem Eintreffen mitteilt, ist dieser schon seit vier Tagen begraben. Mit lauter Stimme ruft Jesus ihm zu: „Lazarus, komm heraus!“ Und seine Stimme hat so eine Macht, dass es der seit vier Tagen tote Lazarus zwei Stockwerke unter der Erde in seinem Grab hört und er Jesu Stimme bis nach oben folgt, wo man ihm erst noch die Leichentücher vom Gesicht nehmen muss. Jesus wird also mit der Zeit immer geschickter darin, Menschen wieder zum Leben zu erwecken.

Gleichzeitig kann man diese Auferweckungen auch als Analogien für drei Geisteszustände der Menschen betrachten. Die erste Gruppe von Menschen ist nur „ein bisschen tot“, hat sozusagen „nur“ alltägliche Schwächen, Sünden oder Probleme, die zwar nicht zu unterschätzen sind, jedoch sind diese Menschen, was ihren Geisteszustand betrifft, noch sehr lebendig. Die zweite Gruppe ist in ihrem Geisteszustand bereits sehr beeinträchtigt, hat große Probleme und nahezu jegliche Hoffnung verloren, so als würde sie schon in ihrem Sarg zum Grab getragen. Die dritte Gruppe ist bereits scheinbar unwiederbringlich verloren, als wäre sie schon zwei Stockwerke unter der Erde begraben. Alle drei Gruppen dieser „innerlich Toten“ kann Jesus jedoch mit leisem Flüstern, fester Stimme oder lautem Rufen – mühelos wie mit einem Fingerschnippen – wieder ins Leben zurückholen.

Die Herzenshaltungen der drei Geschwister verinnerlichen, heißt also, folgendes zu lernen: von Martha, dass wir unsere Geschäftigkeit reduzieren und unsere Alltagsprobleme nicht zum Ende der Welt machen sollen; von Maria, dass wir Gott in unserem Leben Raum geben und bereit sein müssen, Zeit für ihn zu „verschwenden“; und von Lazarus, dass wir stets die Hoffnung bewahren müssen, dass Jesus Stimme so machtvoll ist, dass sie uns immer und überall erreichen und jederzeit ins Leben zurückholen kann, egal auf welchem Totenbett, in welchem Sarg oder in welchem Grab zwei Stockwerke unter der Erde wir auch liegen mögen. Je mehr wir all dies beherzigen, umso mehr kann und wird sich Jesus bei uns zuhause fühlen.

Dem OK-Chörli aus Obernberg war es wieder eine Ehre, diese Andacht musikalisch gestalten zu dürfen, mit Liedern über Maria, Martha und Lazarus und, ebenfalls zum Thema passend, „The sound of silence“ (dt. "Der Klang der Stille"). Auch ein anschließender Austausch bei einer leckeren Agape durfte nicht fehlen, diesmal schmackhaft zubereitet von der Pfarre Schmirn.

Ergebenster Dank geht an alle Beteiligten, besonders natürlich an unseren Dekan Gabriel, der es einfach jedes Mal wieder aufs Neue schafft, uns mit seinen Ausführungen und Querverweisen zu verblüffen, indem er scheinbar altbekannte Geschichten aus der Bibel vor unserem inneren Auge bildhaft lebendig werden lässt und uns all die zwischen den Zeilen versteckten Bedeutungen aufzeigt, die für unser Leben so überaus wertvoll sind und auf diese Weise die Frohe Botschaft ihrem Namen mehr als gerecht werden lassen.

(Text: Stefanie Strickner, Fotos: Kurt Schletterer, Stefanie Strickner)